Angespült

Die ganze Nacht hat es geschüttet. Am Morgen steht überall Wasser, der Weg hinunter ist kräftig ausgespült, unten in der Senke liegen Haufen von Schlamm, vermischt mit heruntergewehten Ästen. Sie bilden in der Kurve kleine Deiche – ein bizarres Muster mit überraschender Farbigkeit, heller Sand, brauner Schlamm, schwarz glänzendes, nasses Holz, Blätter in vielen Farbtönen. Im Sonnenschein ein faszinierender Anblick, der sich einprägt.

Auf dem See schwimmen abgefallene Blätter und Zweige, auch ein wenig Müll, der Wind spült sie ans Ufer, sie schaukeln mit den Wellen, schwappen aufs Land. An anderer Stelle ist eine alte Boje ans Ufer gespült. Zum Glück nichts Besorgniserregendes.

Wasser nimmt in diesem Jahr ziemlich oft unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Da gibt es vor allem in Süddeutschland endlose Regenfälle, die aus einem örtlichen Rinnsal reißende Ströme machen, die Gebäudebrocken, zerborstene Schuppenwände, Veranden, Wohnwagen und Autos vor sich herschieben und irgendwo aufhäufen. Andernorts sieht man Schlammwüsten und dadurch unbrauchbar gewordene Einrichtungsgegenstände, die sich auf Marktplätzen türmen. Wieder woanders sind es Hagelstürme, die ein Dorf wie ein weißes Meer durchfluten.

Später ist das Wasser dann sehr friedlich, es regnet wenig, die Gewässer heizen sich auf, aber die Algenblüte meldet sich, bildet am Ufer farbige Schlieren.

Solche Aspekte hatten mich angeregt, mich mit dem Material, das vom Wasser irgendwo hin transportiert wird, genauer zu befassen.  Ich zeichnete die Ablagerungen, die der Regen hinterließ, malte die schönen farbigen Schlieren der Algenblüte. Aber ohne es zu merken malte ich auch das massive Treibgut aus zerborstenen Gebrauchsgegenständen und die strömenden Wassermengen Süddeutschlands. Die Meldungen und die Bilder der Medien haben meinen Respekt vor dem Wasser erhöht und sich tief ins Unterbewusstsein eingegraben.

Dann schlichen sich auch noch traurigere Bilder ins Bewusstsein, sie rütteln am eigenen Verantwortungsbewusstsein. So haben die Medien schon im Winter unzählige winzige, altersschwache Nussschalen oder Schlauchboote gezeigt, die an die Küsten Griechenlands oder Italiens angetrieben wurden – ohne die Flüchtlinge, die zu Tausenden im Mittelmeer den Tod fanden.

Beim Malen geraten diese Aspekte ins Bewusstsein, lassen sich nicht mehr einfach wegschieben, veranlassen mich, nicht nur die friedlichen Bilder des Anspülens zu betrachten, sondern mich auch mit den brutalen Aspekten auseinanderzusetzen. Ich versuche die Thematik aufzunehmen, in Andeutungen, Verfremdungen, Abstraktionen, um damit über die Ambivalenzen und die Rolle, die die Menschen dabei spielen, zu reflektieren. Diese Reflexionschance besteht zumindest für mich, in dem Moment, wenn ich diese Bilder male.

Sabine Stecker