Grabe wo du stehst – dieser bildhafte Satz symbolisiert eine Bewegung in Europa, die sich seit den 80er Jahren mit der Geschichte im lokalen Raum beschäftigt und den Fokus auf das Alltagsleben der Menschen vor Ort setzt. Es wird nicht wirklich gegraben, aber man beschäftigt sich mit Spuren der Vergangenheit, die Aufschluss über das damalige Leben der Leute in der eigenen Nachbarschaft geben.

Grabe wo du stehst – das habe ich wörtlich genommen. Wenn es darum ging, im Garten einen Strauch zu pflanzen oder eine alte Baumwurzel auszugraben, traf ich in der Tiefe auf die erstaunlichsten Dinge. Diese Fundstücke haben mein Interesse geweckt. Sie lassen uns spüren, dass hier Menschen zuhause waren. Wie ein Archäologe habe ich mir Fragen gestellt: Was sagen diese Fundstücke über die Menschen, denen sie gehörten, aus? Und: Wieso birgt der Erdboden diese Gegenstände aus der Vergangenheit? Wie kommen sie hier in die Erde?

Archäologen nutzen bei ihrer Grabungsarbeit besondere Methoden. Sie tragen die Erde Schicht um Schicht ab, sichern die Funde und machen Zeichnungen und Fotos von den Funden und der Ausgrabungsstelle. Je tiefer sie graben, umso älter sind in der Regel die Funde. Das macht neugierig: Wie alt sind die Funde, wenn ich hier einen Meter tief grabe?

Je nach Bedarf werden bei archäologischen Grabungen „Abstiche" gemacht, es wird also gerade in den Boden gestochen und ein senkrechtes „Profil" mit Funden oder Spuren freigelegt. Entsprechend legen sie auch waagerechte Flächen in der Tiefe frei, sog. „Plana".

Solche Ansichten des Erdreiches ergeben sich bei der Gartenarbeit wohl äußerst selten, aber die Vorstellung darüber, wie so ein Profil oder ein Planum aussehen dürften, stellt sich beim Graben rasch ein.

Die Funde im eigenen Garten, die Vergegenwärtigung der Arbeit der Geschichtswerkstätten, die Methoden der Archäologen, all das hat mich gereizt, mich mit diesen Aspekten malerisch auseinanderzusetzen und einen ganz eigenen Blick in das Innere der Erde zu werfen. Ich habe meine Vorstellungen und Empfindungen darüber in Bilder umgesetzt. Es entstanden in meinem Kopf und auf der Leinwand „Plana" und „Profile" von Erdbereichen, die ich noch nie im Ganzen wirklich gesehen habe, wenn ich Braunkohle, Schrauben, Messer, Knochen, Ziffernblätter, Porzellan, Forken, Beschläge, Holzpfosten, Backsteine und andere Gegenstände aus der Erde holte. Die Erkenntnis, dass die Erde in der Tiefe viele verschiedenfarbige Schichten hat und nur ganz oben relativ dunkle Erde liegt, lässt mich Vermutungen darüber anstellen, welche Farben die Erde wohl in für mich unerreichbaren Tiefen haben könnte.

Dabei hat mich auch der Prozess des Absinkens der Gegenstände in die Tiefe der Erde interessiert: Wächst der Erdboden immer höher, legen sich immer erneut Humus, Sand, Lehm und Steine über eine alte Oberfläche? Welche Kräfte wirken auf die Erde und die verschwindenden Gegenstände? Werden sie vom Winde verweht? Vom Regen in die Tiefe gespült? Von Schnee und Eis zugedeckt und verschoben? Oder einfach vom Menschen verbuddelt?
Offenbar sind es nicht nur die Naturgewalten, es sind wohl auch Gewohnheiten der Zivilisation, die dafür sorgen, dass uns immer wieder Spuren früherer Bewohner im Garten begrüßen.