„Schöne Aussichten“

Im Wald, auf den Weiden und Äckern, überall, wo man etwas weiter blicken kann, sind Aussichtstürmchen aufgestellt, und es werden immer mehr. Oft sind sie keine zwei, drei Meter hoch. Sie dienen aber nicht den Spaziergängern. Wer versucht, die kleinen Leitern zu besteigen, wird von einem Schild davon abgehalten: Jagdliche Einrichtung oder so ähnlich, betreten verboten. Es ist auch öfter angeraten, sich nicht über die Verbote hinwegzusetzen. Die Bauten sind teilweise gefährlich marode. Holz ist meist der Baustoff, die Hochsitze sind Frost und Regen ausgesetzt. Und offenbar werden sie irgendwann vergessen und durch neue ersetzt, ohne dass die alten verschwänden. Hintergrund für die auffällig stark gewachsene Zahl von diesen Aussichtstürmchen ist wahrscheinlich vor allem eine Änderung im Jagdgesetz, das, wie ich erfuhr, vorschreibt, nur von diesen erhöhten Positionen aus zu schießen.

Diese Sitzgerüste ähneln sich, weisen aber doch auffällig vielfältige Bauweisen auf. Manche sind mit einem Vorhängeschloss verbarrikadiert, andere haben gepolsterte Sitze, eine geschlossene Kabine mit Schiebefenstern, wieder andere sind sehr luftig, in Camouflagenetze gehüllt. Manche sieht man kilometerweit, andere stehen völlig versteckt, von Pflanzen gut getarnt, manche sind aus runden Fichtenstämmen zusammengezimmert, andere aus gehobeltem Bauholz sorgsam verschraubt wie Ikea-Möbel. Manche haben Platz für zwei, die meisten lassen das kaum zu. Klar, der Jäger sitzt allein an. Diese Bauwerke haben in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedliche Bezeichnungen, die mir gar nicht geläufig waren. Mich beeindrucken  aber vor allem die unterschiedlichen Charaktere der Bauwerke. Wenn ich ihnen Namen geben würde, hießen sie so: Fernsehturm, Klohäuschen, Bunker, Schlitten, Frittenbude, Luxuskabine, Ikea-Regal, Rauspund, Kampfwagen…

Die schönsten sind die, die den Blick über eine große Wiese am Waldrand eröffnen. Der Ausblick ist auch ohne Rehe, Hirsche, Hasen, Sauen ein Genuss. Wenn sie auch noch hoch gebaut sind und die vielen Stufen hinreichend stabil, lässt sich dort oben eine wunderbare Wanderpause einlegen. Mit Tieren ist es noch schöner.

In erster Linie finden diese Hochsitze meine Aufmerksamkeit, weil sie eigentlich wie ein Fremdkörper in der Landschaft stehen, aber weil es sie so häufig gibt, habe ich mich an sie gewöhnt. Weiterhin fasziniert mich bei der Sicht auf die Hochsitze, dass sie mit ihren zahlreichen schrägen und waagerechten Streben und den eckigen Sitzkästen ein interessantes grafisches Verhältnis zu den senkrecht hochwachsenden Bäumen  oder den geschwungenen Linien der Felder und Knicks herstellen und weil ihre technische Ausstrahlung mit der organischen Landschaft einen Widerspruch erzeugt – eine Einladung zum Zeichnen und Malen.

Am meisten treibt mich aber um, dass die stillen und leeren Kästen merkwürdig geheimnisvoll sind. Da ist zum einen das dunkle Fenster. Ein kurzer Blick und ich bin irritiert, dort säße doch jemand im Dunkel, irgendein Wesen, obwohl niemand zu sehen ist, wie immer. Die schwarze Höhle im Fensterloch ist geheimnisvoll wie ein dunkles Auge, das dich beobachtet.

Dann spricht mich der Verfall dieser Bauwerke an, das Morbide, Ruinenhafte, das Technische der Bauweise wird organischer, die Balken werden runder, die Form lebendiger, differenzierter, natürlicher, fast anheimelnd, aber auch geheimnisvoll. Eben alt. Aber manchmal auch bedrohlich, sind die hohen Bauwerke doch manchmal wie Wachtürme ausgebaut.

Sabine Stecker